Der folgende Text wurde in der März Ausgabe der kita aktuell veröffentlicht.

Ob Café oder kleiner Laden, auf die Gestaltung der Inneneinrichtung wird zugunsten der
Atmosphäre größter Wert gelegt. In Kitas, in denen viel untergebracht und erfüllt werden muss, ist das zugegebenermaßen eine Herausforderung. Zeit, einmal genauer hinzuschauen, wie sich die Raumgestaltung auf das Wohlbefinden von Kindern und Erziehern auswirkt.

Die ganz normalen anfänglichen Ängste und Sorgen

Montag, 7. November 2016, 7.30 Uhr. Die große Flügeltür zur Eingangshalle der Kita öffnet sich und aus dem ungemütlichen Dunkel des Hamburger Nieselwetters kommt der 4 Jährige Tim hinein gestapft. Kurz das Gröbste abgeschüttelt ist er auch schon mit lauten Juhei in Richtung der Garderoben verschwunden. Ein weiteres Mal öffnet sich die Tür und Tims Mutter tritt herein. An der Hand seine kleine Schwester Paula, die heute ihre ersten Stunden in der Kita verbringen soll. Sie macht große Augen und Ohren als sie in den angrenzenden Räumen die vielen Kinder bemerkt. So ganz geheuer scheint ihr das Abenteuer Kita, das ihr bevorsteht, jedoch noch nicht zu sein, denn als Tim mit einem Freund von den Garderoben zurückkommt und sie auffordert mit in den Gruppenraum zu kommen, versteckt sie sich lieber erst einmal hinter Mamas dickem Mantel.

Die anfänglichen Sorgen und Ängste der Kindern, die neu in eine Kita kommen, haben wohl alle, die dort arbeiten, schon vielfach erlebt. Zur typischen Trennungsangst in der Fremdelphase zwischen etwa 8 Monaten und 2 Jahren, in der jedoch viele Eltern wieder zu arbeiten beginnen und in der somit für die Kinder das Abenteuer Kita beginnt, kommt bei den Kindern die Angst vor dem Neuem und Fremden hinzu. Gleichermaßen sorgen sich viele Eltern um das Wohlergehen des Kindes, sodass in der Kita Anfangszeit nicht selten die ein oder anderen Träne verdrückt wird.

Die Räume der Kita als Ort des Wohlfühlens

Umso wichtiger, die Kita als einen Ort des Wohlfühlens zu gestalten, der den Kindern Sicherheitund Halt gibt. Eine sorgfältige Auswahl und Weiterbildung der Erzieherinnen und Erzieher zur Sicherung der pädagogischen Qualität sowie ein fester Tagesablauf mit verlässlichen Regeln und Traditionen sind dabei unabdingbar. Doch ebenso wichtig und bisher leider oft unterschätzt ist die Gestaltung und die damit einhergehende Wirkung des Raums, da dieser einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Wohlbefinden der Kinder hat. Und, nebenbei gesagt, auch auf das der Erwachsenen, die sich natürlich ebenfalls wohl und sicher fühlen sollten. Denn, wer kann etwas ausstrahlen und an die Kinder weitergeben, was er nicht selbst empfindet? Nicht umsonst wird bei Büroräumen, Cafés oder kleineren Einzelhandelsgeschäften viel Geld für die Raumgestaltung ausgegeben. Von einer angenehmen Atmosphäre erhoffen sie sich mehr Wohlbefinden der Nutzer und somit mehr Produktivität bzw. Kauflust und Kundenbindung. Müsste dann nicht eine ausgewogene Raumgestaltung auch vor allem in Kitas von größter Bedeutung sein, da Kinder emotional noch nicht gefestigt sind, in ihrer Entwicklung also ganz natürlich und normal von Ängsten und Sorgen begleitet werden und auf eine sichere Wohlfühlumgebung angewiesen sind?

Die Kita, in der die anfangs erzählte Geschichte spielt, ist ein schönes Beispiel dafür, wie viel die Gestaltung der Räume zum Wohlbefinden von Kindern und Erwachsenen tatsächlich beitragen kann. Wir erinnern uns an Tim, der unterdessen schon seit 2 Jahren in der Kita ist und jeden Morgen sehr gern dorthin kommt. Von Trennungsangst oder anderen Sorgen keine Spur. Er mag die Räumlichkeiten, in denen alles ein wenig an die wilden Weiten der Natur erinnert. Es gibt zwar keine konkreten Bilder dazu aber die Farben und Materialien sowie die Formsprache wecken leise Assoziationen von Wildnis und Abenteuer. Auf diese Weise regen die Räume die Phantasie der Kinder an, ohne dabei zu viel vorzugeben und dessen Entfaltung einzuschränken. Eine einheitlich gestaltete Welt, die einen subtil durch die Räume und Bereiche leitet. Bereiche, die durch ihre Anordnung im Raum und bewusst gestaltete Laufwege anzeigen, ob sie etwa dem aktiven Spiel oder als Rückzugsort dienen. Tim zum Beispiel ist am liebsten im Bewegungsraum, wo er im aktiven Spiel seiner Phantasie freien Lauf lassen kann.

 

Bewegungsraum

Bewegungsraum

Die Aspekte der Raumgestaltung

Aber in der Kita, von der hier exemplarisch für die Möglichkeiten der positiven Auswirkung einer Raumgestaltung berichtet wird, sah es nicht immer so aus. Vor etwa 3 Jahren, als die Kita zum ersten Mal die Tore des an sich sehr schönen alten Hauses, in dem sie untergebracht ist, öffnete, war sie zunächst nur mit dem Nötigsten eingerichtet. Fußböden und Leuchten wurden von den zuvor in den Räumen eingerichteten Büros übernommen. Alles war gut erhalten aber die Atmosphäre war kalt und ungemütlich. Doch der Bedarf an Betreuungsplätzen war mehr als gegeben und der Träger der Kita entschloss sich in das Projekt zu investieren und das Potential des Gebäudes auszuschöpfen. Bauherr, Kita-Leitung, Architekten und wir als Interieur-Designer kamen zusammen an einen Tisch um die Umgestaltung des Gebäudes zu planen. Entstehen sollte eine Kita, mit einem reichhaltigen Betreuungsangebot, in der jedes Kind und jeder Erwachsene seinen Platz finden und sich wohlfühlen kann. Eine große Rolle spielte das Thema Inklusion, das zum einen besondere Anforderungen an die technischen Gegebenheiten des Raumes stellt. Zum anderen ist es bei Kindern mit einer Behinderung um so wichtiger eine sichere Umgebung zu schaffen, die sie leitet und die ihnen Halt gibt. Wichtig ist die gemeinsame Planung von Anfang an, um das pädagogische, das technische sowie das gestalterische Know-How der Beteiligten voll ausschöpfen zu können und kostspieligen Änderungen im Nachhinein vorzubeugen.

Das Raumkonzept

Vor der Gestaltung der Räume mit Farben, Formen und Materialien sollte immer ein sinnvolles Raumkonzept erarbeitet werden. Gefragt werden sollte sich unter anderem; Wie sieht das pädagogische Konzept der Kita aus? Wer wird in den Räumen betreut? Werden die Kinder in Gruppen aufgeteilt? Wenn ja in welche? Welche Bedürfnisse und Fähigkeiten haben sie jeweils? Auf welche Elemente kann nicht verzichtet werden? Gibt es gemeinschaftlich genutzte Räume? Nur so können entsprechend angemessene Raumaufteilungen entworfen werden, die den Kindern gerecht werden und Umgebungen schaffen in der sich die Kinder ganz natürlich bewegen und verhalten können. Ein wichtiger Aspekt für das Empfinden einer emotionalen Sicherheit.

Die Materialien

Ähnlich verhält es sich mit dem Einsatz von Naturmaterialien. Sie haben in vielerlei Hinsicht einen positiven Einfluss auf die Wirkung von Räumen, vor allem durch die warme Atmosphäre, die sie erzeugen. Bei Kindern, die in den allermeisten Fällen mit Naturmaterialien vertraut sind, unterstützen sie die Erfahrung eines natürlichen Gefühls von Sicherheit und Geborgenheit. Das Wiedererkennen der Haptik von Hölzern oder Textilien von zu Hause oder aus der Natur selbst gibt Halt und ist ein weiterer Wohlfühlfaktor. Hinzu kommen die guten akustischen Eigenschaften von Naturmaterialien. Textilien wie Jute oder Wolle eignen sich optimal zur Minderung der Raumlautstärke, eine auch für die in der Kita arbeitenden Erwachsenen nicht zu unterschätzender Aspekt des Wohlbefindens. Ein weiteres Plus des Naturmaterials Wolle; Stoffe und Teppiche aus dieser haben eine, dem Kitaalltag sehr entgegenkommende, selbstreinigende Wirkung.

Naturmaterialien

Naturmaterialien

Die Farbwelt

Eine große Rolle für die Ausstrahlung von Räumen, bzw. für das Empfinden, dass man in ihnen hat, spielen die eingesetzten Farben. Dabei geht es nicht nur darum einen Atelierraum etwa in einem knalligen Rot, was im allgemeinen als anregend gilt, zu streichen oder vielleicht im Schlafraum zur Beruhigung einen blaue Tapete einzusetzen. Die Wirkung von Farben unterscheidet sich schon in Nuancen und deren Auswahl und Zusammenstellung sollte daher sehr differenziert erfolgen. Arbeitet man zum Beispiel vermehrt mit grünlichen Blautönen kann man ein frisches Raumklima hervorrufen, das harmonisierend wirkt, eine völlig andere Atmosphäre, als etwa beim Einsatz von violetten Blautönen, die eher verträumt wirken. Zur Erzeugung einer homogenen Wirkung sollte daher zu der erarbeiteten Raumaufteilung am Anfang jeder Raumgestaltung ein Farbkonzept erstellt werden. Ein einheitlicher und entsprechend unaufgeregter Einsatz von Farben in Möbeln, Textilien, Accessoires, Farbauftrag an den Wänden etc. bringen Ruhe in die Räume und wirken sich entsprechend positiv auf den Gemütszustand der Kinder und Erwachsenen aus.

Das Thema

Das den kleinen Tim in der Kita alles irgendwie an die wilden Weiten der Natur erinnert, liegt an einer der Gestaltung zu Grunde liegenden Geschichte, aus der sich alle Farben, Formen und Materialien ableiten. Eine Geschichte zu einem Thema, das zum Gebäude, zum pädagogischen Konzept und zu den Menschen in der Kita passt und die von uns eigens für sie geschrieben wurde. Die in der Geschichte enthaltenen Emotionen wurden dazu zunächst in Form von Moodboards hervorgezaubert und somit greifbar gemacht. Zur Übertragung der Emotionen auf den Raum bzw. um dort die gleichen Assoziationen zu wecken wie die Geschichte wurden daraus dann wiederum die Farben, Formen und Materialien extrahiert und im Raum eingesetzt.

Die Formsprache

Neben den Materialien und Farben spielt noch ein dritter Aspekt eine Rolle auf die Wirkung von Räumen, die Formsprache. Will man eine Wohlfühlumgebung schaffen, sollte man vermehrt mit organischen Formen arbeiten, da sie den Kindern, ähnlich wie Naturmaterialien, vertraut sind. Der meist symmetrische Aufbau natürlicher Strukturen hat zudem eine harmonische Wirkung, sie erscheinen klar und verlässlich, was das Sicherheitsempfinden der Kinder unterstützt.
Die organischen Formen können mit grafischen Elementen kombiniert werden und so zum Beispiel zu einer besseren Orientierung in den Räumen beitragen. Grafische Elemente eignen sich zum Beispiel auch für die Gestaltung eines Leitsystems in der Kita, die für ein sicheres Gefühl ebenfalls wichtig sind.

Die Beleuchtung

Wir erinnern uns an den Morgen an dem Paula zum ersten Mal an der Hand ihrer Mutter die Kita betreten hat. Ein nasskalter Novembermorgen. Solches Wetter sind wir hier oben im Norden zwar gewohnt und an passender Kleidung mangelt es den Wenigsten, umso mehr Wert legen wir dafür aber auch auf eine helle Gestaltung und gleichwohl gemütliche Atmosphäre innerhalb den eigenen und anderen vier Wänden. Und so verdient auch die Beleuchtung in Kitas eine intensive Betrachtung. Grundbeleuchtung, indirekte Lichtquellen und Spots zur gezielten Ausleuchtung sinnvoller Bereiche müssen fein aufeinander abgestimmt sein um eine angenehme Atmosphäre zu erzeugen.

Lichtbälle

Lichtbälle

An der Vielschichtigkeit der Faktoren, die die Wirkung von Räumen beeinflussen, wird deutlich, wie sensibel Räume auf die Gestaltung ihres Interieurs reagieren. Einen Schritt weitergedacht zeigt dies, wie viel Einfluss die Gestaltung des Raumes auf unsere Gefühle und unser Wohlbefinden haben und wie wichtig entsprechend eine professionelle Gestaltung der Räume, gerade in der Kita, ist. In den 3 1/2 Jahren, in denen wir uns nun schon mit der Gestaltung von Kitas befassen, in der wir sie selber gestaltet oder Ihnen beratend zur Seite standen, haben wir immer wieder die Erfahrung gemacht wie groß der Einfluss der Raumgestaltung auf das Wohlbefinden aller, die dort ein- und ausgehen, ist und wie viel Einfluss sie auf die Qualität der gesamten Kita hat.

Mittwoch, 1. März 2017, 07.30 Uhr. Paula flitzt in Windeseile den Flur entlang in Richtung Gruppenraum. Sie kann es kaum erwarten sich zu den anderen Kindern ins Tippi mit den vielen weichen Kissen zu kuscheln und die allmorgendliche Geschichte zu hören. Unterdessen macht ihr die Kita nämlich gar keine Angst mehr. Ganz im Gegenteil, sie freut sich jeden Tag dort zu sein und fühlt sich rund um wohl. Und auch ihre Mutter, die anfangs noch Sorge um das Zurechtkommen ihrer kleinen Tochter hatte, geht nun mit einem guten Gefühl zur Arbeit.


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AuthorAnnika Steven